Schulhoff, Erwin (1894–1942)

Duo WV 74 (1925)

für Violine und Violoncello

1. Moderato

2. Allegro giocoso

3. Andantino

4. Moderato

»Was ihr nach meinem Ableben aus mir machen wollt, das ist mir gänzlich einerlei. Ich bleibe solange ich lebe, stets der, der ich bin!!! Den Schmus über mich könnt ihr euch nachher genügend noch aushecken.«

Dieser Tagebucheintrag vom 6. Juni 1927 stammt von dem im Dritten Reich verfemten Komponisten Ervín Schulhoff (1894–1942) und der nach seinem Tod im Internierungslager auf der Festung Wülzburg bei Weißenburg (Bayern) in der Musikwelt nahezu vergessen war. Die Wiederentdeckung des Komponisten seit den 1980er Jahren durch den lettischen Geiger Gidon Kremer (1947 als Gidons Krēmers geboren) und den im Rahmen seines legendären internationalen Kammermusikfestes in Lockenhaus stattfindenden Konzerten ist es vor allem zu verdanken, daß Schulhoffs Werk, sich großer Wertschätzung erfreuend, wieder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wurde.

 

Auf Empfehlung von Antonín Leopold Dvořák (1841–1904) bekam der später hervorragende Pianist bereits siebenjährig Klavierunterricht bei dem tschechischen Komponisten und Pianisten Jindřich Kàan z Albestů (1852–1926). Stationen seiner später folgenden Studien waren nach Prag die Städte Wien, Leipzig und Köln. Einige Zeit studierte er unter anderem auch bei Achille-Claude Debussy (1862–1918) und Max Reger (1873–1916).

Als ein Vertreter der sogenannten lost generation war Schulhoff den zahlreichen zeitgenössischen Strömungen in Kunst und Musik gegenüber sehr aufgeschlossen und setzte sich beispielsweise für die Mikrointervallkompositionen von Alois Hába (1893–1973) und die Werke der Neuen Wiener Schule, wie zum Beispiel bei den gemeinsam mit Alban Berg (1885–1935) organisierten Dresdner »Fortschrittskonzerten«, ein. Durch den Maler George Grosz (1893–1959) wurde er mit der Berliner Dadaismus-Bewegung bekannt gemacht, was indirekt auch dazu führen sollte, daß Schulhoff mit dem Jazz in Berührung kam. So sah er in der Sinnlichkeit des Jazz eine vor allem antiintellektuelle Musik, welche einen Gegensatz zum Expressionismus, den er als verbürgerte Sorte der expressionistischen Verwesungstype bezeichnete, bildete. Ende 1920 notiert er in seinem Tagebuch: »Meine Devise: Lernt Dada … Kunst ist: Kunst nicht zur Kunst machen!« Weiterhin ist sein Bekenntnis, daß Musik »niemals Philosophie« sei, sondern »dem ekstatischen Zustande« entspringe und »in der rhythmischen Bewegung ihren Ausdruck« findet, überliefert.

In den 1930er Jahren wurde seine Kunst zunehmend politischer. Er wandte sich dem Kommunismus zu und war dem »Sozialistischen Realismus« verbunden. Im Mai 1941 nahm er die sowjetische Staatsbürgerschaft an.

Neben zahlreichen Bühnen- und Orchesterwerken, Vokalkompositionen, Instrumentalkonzerten und Klavierwerken ist Schulhoff vor allem für sein Œvre an Kammermusik bekannt.

 

Zusammen mit dem von Zoltán Kodály (1882–1967) 1914 komponierten und 1922 veröffentlichten Duo für Violine und Violoncello op. 7 und der Sonate en quatre parties pour violon  et  violoncelle von Joseph Maurice Ravel (1875–1937) aus den Jahren 1920 und 1922 gehört Schulhoffs Duo für Violine und Violoncello WV 74 zu den Hauptwerken, welche für diese Besetzung geschrieben wurden. Das Werk ist mit der Widmung »Mistru Leoši Janáckovi z hluboké úcty« (»Meister Leoš Janácek in tiefer Verehrung«) versehen und entstand 1925. Im Jahr darauf erschien es bei der Universal Edition in Wien.

 

Schulhoff gilt als Komponist der kleinen Form und als Meister der Instrumentierung, was in diesem Duo mit seiner gekonnten Verquickung von Kunst- und Volksmusik vor allem auch deshalb deutlich zur Geltung kommt, da er hier die spieltechnischen Möglichkeiten beider Instrumente höchst originell ausschöpft.

(2017)